Rede

Rede von Dr. Danyal Bayaz zu „Begegnungen“ auf Schloss Kapfenburg

„Egal ob Politik, Kultur oder unsere Wirtschaft - alle Bereiche der Gesellschaft profitieren von unserer Freiheit und den Blicken über den eigenen Tellerrand.“ Finanzminister Dr. Danyal Bayaz am 14. Oktober 2021 im Rahmen der Veranstaltung „Begegnungen“ sowie der Verleihung des Trude Eipperle Rieger-Preises auf Schloss Kapfenburg bei Lauchheim. Die gesamte Rede finden Sie nachfolgend.

„Sehr geehrter Herr Pavel,

sehr geehrter Herr Hinderberger,

sehr geehrte Familie Rieger,

sehr geehrter Herr von Woellwarth,

vielen Dank für Ihre Einladung zu den Begegnungen auf Schloss Kapfenburg und zur heutigen Preis-Verleihung des Trude Eipperle Rieger-Preises.

Herr Bläse, Ihnen viel Freude an Ihren ersten "Begegnungen" auf dem Schloss Kapfenburg als Landrat.

Als Finanzminister freut es mich besonders, wenn ich raus in unser schönes Land fahren kann, um Orte besuchen zu dürfen, die für die Geschichte, die Kultur von Baden-Württemberg wichtig und identitätsstiftend sind und die noch dazu so beeindruckend sind wie das Schloss Kapfenburg.

Ich selbst bin aufgewachsen mit einem Schloss vor der Tür, in Heidelberg, und weiß, wie Identitätsstiftend so ein Monument sein kann. Das Gefühl von Heimat, ich bin sicher, vielen von Ihnen geht es so auch mit Schloss Kapfenburg.

Liebe Frau Chayka-Rubinstein, lieber Herr Hadzetskyy,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Gäste,

wenn wir über Kultur, Politik und Wirtschaft im Hinblick auf gesellschaftliche Wertebildung und Werteentwicklung reden, dann muss uns bewusst sein, dass diese Werte eine Richtschnur haben:

unser Grundgesetz.

"Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung". So steht es in Artikel 5 Absatz 3 Grundgesetz.

Von 1938 bis 1945 wurde das Schloss Kapfenburg als Gauschule und ideologische Brutstätte für die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt genutzt. Freiheit von Kunst und Lehre gab es zu dieser Zeit nicht. Im Gegenteil: Freiheit und Lehre wurden eingeschränkt, die Kultur und Medien gleichgeschaltet. Das dunkelste Kapitel unserer Geschichte.

Es waren US-Truppen, GIs, die Schloss Kapfenburg befreit haben. Übrigens auch in Heidelberg war es so, etwas, das meine Heimatstadt bis heute prägt.

Diese - unsere - Geschichte muss stete Mahnung sein, für unsere Freiheit und die Offenheit unserer Gesellschaft einzutreten und beides eben nicht als selbstverständlich hinzunehmen.

Und ich sage das ganz offen: Ich bin stolz, genau das als Sohn von Eltern mit unterschiedlichen Nationalitäten und als Minister meines Heimatbundeslandes tun zu dürfen.

Wir leben heute in einer liberalen und offenen Gesellschaft. Ihren Rahmen hat das Grundgesetz 1949 definiert. Geprägt wurde unser Land auch die Westintegration der Bundesrepublik.

Mit ihr wurde der Frieden in Europa und die gewonnene Freiheit unseres Landes nach dem Krieg zur neuen Normalität.

Meine Generation kennt Geschichten aus dem Krieg nur aus Erzählungen oder dem Geschichtsunterricht. Wir können uns in Europa und weiten Teilen der Welt frei bewegen, wenn nicht gerade die Pandemie das Leben einschränkt.

Ich selbst hatte das Privileg, Teile meiner wissenschaftlichen Ausbildung in den USA absolvieren zu dürfen. Die Einflüsse solcher Auslandsaufenthalte, in denen man nicht nur Student oder Auszubildender ist, sondern immer auch eine Botschafterfunktion der Werte der Bundesrepublik und des Grundgesetzes, prägen die Menschen oft ein Leben lang. So auch mich.

Egal ob Politik, Kultur oder unsere Wirtschaft - alle Bereiche der Gesellschaft profitieren von unserer Freiheit und den Blicken über den eigenen Tellerrand.

Aber die offene Gesellschaft und unsere Freiheit werden stets aufs Neue herausgefordert.

Letzte Woche war der zweite Jahrestag des schrecklichen Attentats von Halle. Zwei Menschen mussten sterben, weil ein Mann seinem Hass auf Menschen jüdischen Glaubens freien Lauf gelassen hat. Nur die massive Tür der Synagoge von Halle hat verhindert, dass es mehr Opfer gab.

Dass Menschen jüdischen Glaubens im 21. Jahrhundert mit Angst in unserem Land leben müssen, darf uns niemals kalt lassen meine Damen und Herren.

Wir alle sind gefordert, unsere demokratischen Werte, die Werte unseres Grundgesetzes durch Reden, aber eben auch durch Handeln zu verteidigen.

Der Täter von Halle hat seinen Anschlag live mit einer Helmkamera übertragen. Das Internet, für viele Synonym für Freiheit und unbegrenzte Möglichkeiten, wird als Medium gegen unsere offene Gesellschaft missbraucht.    

Natürlich sind es nicht immer erschütternde Taten wie in Halle, für die das Netz als Bühne dient. Oft sind es einfache Kommentare in den sozialen Medien, die uns daran erinnern, dass nicht alle Menschen mit beiden Füßen auf dem Boden unseres Grundgesetzes stehen.

Ich selbst musste und muss das mehrfach erfahren. Die gefühlte Anonymität der sozialen Netzwerke verleitet Menschen zu rassischen, zu antisemitischen sexistischen Diffamierungen.

Da, wo die Grenzen der freien Meinungsäußerung überschritten wurden, habe ich keinen Moment gezögert die Strafverfolgungsbehörden einzuschalten. Und dann ist mir auch egal, wo dieser Hass herkommt, ob er von Rechtsextremen, von links oder von Islamisten kommt.

Ich habe das gemacht, weil allen Menschen in unserem Land bewusst sein muss, dass unsere Gesetze auch in der digitalen Welt gelten und Meinungsfreiheit nicht von der Treue zu unserer Verfassung entbindet.

Die Bedeutung der Freiheit für die Kunst wurde schon lange vor Gründung der Bundesrepublik erkannt.

"Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit." So hat es ein Sohn Baden-Württembergs, Friedrich Schiller aufgeschrieben.

Auf dem Schloss Kapfenburg vermittelt diese Tochter unsere Werte in vorbildlicher Weise weiter. Hier proben seit dem Einzug der internationalen Musikschulakademie Musiker aus der ganzen Welt. Ihnen wird durch die Arbeit auf dem Schloss die Chance gegeben, wertvolle Erfahrungen für den weiteren Lebensweg zu sammeln.

Die Akademie fördert die interkulturelle Jugendarbeit und unterstützt die Musikschulen im Land. So hilft Sie, dass kulturelle Vielfalt nicht nur in unseren Städten, sondern gerade auch in unseren ländlichen Regionen eine Stärke ist und bleibt. Sie ist das Rückgrat unseres sozialen Zusammenhalts. Ganz konkret vor Ort.

Meine Heimatstadt Heidelberg trägt seit 2014 als erste in der Bundesrepublik den Titel UNESCO City of Literature. Eine Stadt des lebendigen Geistes und der Literatur.

Was weniger Menschen wissen:

Der europäische Hip-Hop, auch eine Form von Lyrik, Literatur und Philosophie, hat seine Wurzeln auch in meiner Heimat. Die lange Stationierung der US-Truppen in der Umgebung hat auf die Kultur vor Ort abgefärbt.

Wahrscheinlich ist der Heidelberger Rapper Torch den heutigen Preisträgern kein Begriff. Gesanglich ist er ihnen wohl auch hoffnungslos unterlegen. Letzte Woche durfte ich dabei sein, als dieser Pionier des europäischen HipHops in Heidelberg zu seinem 50. Geburtstag geehrt wurde und die kulturelle Ehrenmedaillie der Stadt erhalten hat.

Warum erzähle ich das? Es zeigt die kulturelle Vielfalt unseres Landes. Sie trägt mit dazu bei, Werte wie Offenheit, Toleranz und Kreativität zu fördern und in der Gesellschaft breit zu verankern. Das gilt für Städte genauso wie für die Region Ostwürttemberg. Kunst und Kultur sind überall von internationalen Einflüssen geprägt.

Von diesen Einflüssen profitieren auch unsere Unternehmen und die Beschäftigten. Sie sind global tätig. Sie haben Standorte überall auf der Welt und sie leben von der Offenheit unserer Marktwirtschaft. Unserer sozialen Marktwirtschaft.

Die Stifter des Trude Eipperle Rieger-Preises wissen am besten, wovon ich spreche. Ihr Familienunternehmen hat Standorte auf fünf Kontinenten. Die Preisträgerinnen und Preisträger sind international. Genau das ist Baden-Württemberg: Heimat und Hightech.

Weltoffenheit und eine lebendige Kultur gehören zu den Standorteigenschaften und Standortvorteilen unseres Landes.

Dazu kommen der Fleiß, die Verlässlichkeit und die Kreativität der Menschen. Werte, die es zu fördern gilt.

Das machen auch und gerade unsere Familienunternehmen.

"Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen."

Diesen Wert aus Artikel 14 unserer Verfassung leben sie auf unterschiedlichste Weise vor.

Familie Rieger fördert nicht nur wie heute zu begutachten die Kultur. Sie fördert generationenübergreifend die Menschen aus der Region ihres Firmensitzes. Sie fördert kirchliche Einrichtungen und den internationalen Austausch ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die regionale Verwurzelung und ihre Weltgewandtheit leiten das Handeln vieler Familienunternehmen.

Tradition bewahren und die Moderne gestalten.

Das ist Rezept für ihren langfristigen Erfolg und ein Grund für die Stärke des ländlichen Raums in Baden-Württemberg.

Hier in der Region Ost-Württemberg wissen Sie, wovon ich spreche.

Das Schloss Kapfenburg gehört zu den positiven Beispielen, wie historische Orte zu der Entwicklung des ländlichen Raums beitragen können. 50.000 Besucher kommen jährlich hierher. Es ist Heimat musikalischer Bildung und kultureller Werte.

Wie viele andere Orte der Begegnung, der Kultur und der Musik haben die Gastronomie im Haus, die Musikschulakademie und die Stiftung als Ganzes durch die Corona-Pandemie leiden müssen.

Deswegen freut es mich umso mehr, dass wir heute hier gemeinsam den Preisträgern live zuhören dürfen. Die Pandemie hat uns allen vieles abverlangt. Der persönliche Kontakt, die Freude an Musik und Kultur - auf vieles mussten wir verzichten.

Dass wir nun Licht am Ende des Tunnels sehen, verdanken wir nicht zuletzt dem Erfindungsreichtum von Unternehmen wie BionTech oder CureVac.

Auch wenn letzteres bisher keine Impfstoffzulassung bekommen hat. Es hat im Bereich der mRNA-Technologie wertvolle Pionierarbeit geleistet.

Innovationen brauchen Zeit und Grundlagenforschung. Manchmal gehört ein Scheitern dazu. Aber ohne den Mut und ohne die Bereitschaft, sich ständig weiterzuentwickeln, und jeden Tag dazuzulernen, wäre vieles gar nicht möglich. 

Auch hier wissen unsere Familienunternehmen, wovon ich spreche.

Familie Rieger lebt seit 1875 von der Herstellung von Ketten. Das wäre heute kaum möglich, wenn die eigenen Produkte und das Unternehmen nicht ständig weiterentwickelt würden. Und wenn die Märkte und Lieferketten nicht global funktionieren würden.

Aber wie in anderen Bereichen gibt es Entwicklungen, die wir mit Sorge betrachten müssen.

Gerade erst haben wir vier Jahre Donald Trump hinter uns gelassen. Die Beziehungen zu einem unserer wichtigsten Verbündeten, den USA, müssen erst wieder das Vertrauen aus der Zeit vor Trump erreichen. Das geht nicht über Nacht.

Aus Großbritannien kommen nach dem BREXIT Bilder von leeren Regalen und Tankstellen ohne Kraftstoff. Das kannten wir vorher nur aus der DDR und sozialistischen Staaten. Menschen und Unternehmen im Vereinigten Königreich erfahren am eigenen Leib, welche Folgen der Rückzug aus der Europäischen Union und damit aus dem gemeinsamen Binnenmarkt hat.

Unterdessen setzen Russland und China ihre Rohstoffe strategisch zum Vorteil der eigenen Wirtschaft ein. Steigende Gaspreise und unterbrochene Lieferketten in Europa sind die Konsequenz.

Es ist an der neuen Bundesregierung - wie auch immer sie aussehen wird - die Werte unserer freien Marktwirtschaft international stärker zu verteidigen.

Es gibt eine Regel beim Baseball, sie lautet "Three strikes and you're out!“ Wenn der Brexit der erste "Strike" war und die Wahl von Donald Trump der zweite "Strike", dann darf der dritte "Strike" nicht eine europäische Abhängigkeit von China oder Russland sein.

Die Antwort muss eine starke Europäische Union und der Fokus auf Werte wie die Freiheit und die Innovationsfähigkeit unserer Gesellschaft sein.

Zwingender Teil der Antwort ist für mich auch die ökologische und digitale Erneuerung unserer sozialen Marktwirtschaft. Wir haben ihr viel zu verdanken. Aber sie stößt an ihre Grenzen.

Plattformunternehmen aus den USA und staatlich abgeschirmte Unternehmen aus China dominieren bestimmte Märkte.

Die Klimakrise lässt unsere Wälder und die Natur durch lange Trockenperioden leiden. Das verändert die Lebensgrundlagen auch bei uns.

Extreme Unwetterkatastrophen wie im Sommer in unseren Nachbarländern oder Dürresommer, wie in den letzten Jahren, werden sich häufen.

Ein Umsteuern ist dringend notwendig.  Der Stahl für die Ketten der Familie Rieger muss in Zukunft "grün" sein.

Ich begreife die Aufgabe der Landespolitik dabei als Unterstützer und Ermöglicher.

Baden-Württemberg ist ein hoch innovatives Land. Wir sind bundesweit Spitze bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung, weit vor Bayern. Wir sind weltweit eine der forschungsstärksten Regionen und stehen in Konkurrenz zu Kalifornien, China oder Israel.

Diese Tradition geht auf Menschen wie Carl Benz, Robert Bosch oder Gottlieb Daimler zurück. Und wir führen diese Tradition weiter:

Im Land entstehen Zentren für neue Technologien wie künstliche Intelligenz, wie Biotechnologie, wie Wasserstoff.

Unsere Universitäten richten sich permanent neu aus. Als Land fördern wie sie, wo es geht.

Wie in Tübingen entsteht im Land eine junge Unternehmens- und Start-Up-Kultur. Junge Menschen gehen ins Risiko und gründen Firmen.

Sie sind der Mittelstand von Morgen.

Und sie ergänzen die Familienunternehmen und vielen Weltmarktführer im Land.

Das zeichnet Baden-Württemberg doch bis heute aus: unsere innovative Stärke, die wir stets aufs Neue befördern müssen, uns selbst neu erfinden müssen, um die großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.

Egal, ob im Kampf gegen eine Pandemie oder für Klimaschutz und gute und gerechte Bildung.

Damit es so bleibt will ich zum Abschluss nochmal auf unser Grundgesetz zurückkommen:

Es definiert den Wert der Freiheit so: " Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt." (Artikel 2 Abs. 1 GG).

Wie kann jede und jeder bestmöglich ihre oder seine Persönlichkeit und Freiheit entfalten? Indem allen der bestmögliche Zugang zu Bildung, Ausbildung und universitärer Lehre ermöglicht wird.

Der Publizist Wolf Lotter erklärt in seinem neuen Buch worauf es im 21. Jahrhundert ankommt:

"Nicht mehr Kraft, Pferdestärken, Watt, Masse und Quantität aller Art, sondern die intellektuelle Qualität wird zum Maßstab von Leistung."

Lotters Analyse trifft es gut. Er hat aber die so genannten Soft Skills vergessen: Empathie, Kreativität, Ausdauer, vernetztes und kritisches Denken.

Diese Werte werden von Einrichtungen wie der internationalen Musikschulakademie vermittelt und von Familienunternehmen wie dem von Familie Rieger gefördert.

Machen Sie weiter so. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“