Rede

Grußwort zur Eröffnung der Jüdischen Kulturwoche Stuttgart

Minister Danyal Bayaz spricht an der Eröffnung der jüdischen Kulturwochen

Grußwort von Finanzminister Danyal Bayaz zur Eröffnung der Jüdischen Kulturwoche am 6. November 2023 im Stuttgarter Rathaus.

Sehr geehrte Frau Prof. Traub,

sehr geehrter Herr Dr. Schuster,

sehr geehrte Frau Lador-Fresher,

sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Fezer,

liebe jüdische Gemeinde,

liebe Gäste,

als die Kulturwochen zu ihrem 20. Jubiläum unter das Motto der „Zeitenwende“ gestellt wurden, konnten wir uns wohl kaum vorstellen, unter welchen Umständen die Veranstaltungen in diesem Jahr stattfinden werden.

Aber wahrscheinlich muss ich mich da gleich wieder korrigieren: Vielleicht konnten es sich manche eben doch vorstellen – und wir haben nicht richtig zugehört und waren naiv. Diese Gedanken müssen wir uns als Gesellschaft zumuten, damit wir hoffentlich die richtigen Schlussfolgerungen daraus ziehen.

Seit dem 7. Oktober, als Israel von Terroristen brutal angegriffen wurde, hat sich die Welt für Jüdinnen und Juden dramatisch verändert. Das gilt für die Menschen in Israel, für Jüdinnen und Juden weltweit – auch in Deutschland.

Es hat mich tief getroffen und nachdenklich gemacht, dass auch in meinem Ministerium Kolleginnen und Kollegen mit jüdischem Hintergrund daran zweifeln, ob sie und ihre Familien in Deutschland, in ihrem Land, in ihrer Heimat sicher sind. Wenn man solche Worte der Angst aus dem Mund von Betroffenen im direkten Gespräch hört, da stockt einem der Atem.

Der jüdische Pianist Igor Levit hat gestern auf "X" geschrieben:

„Es ist gerade wahrlich keine einfache Zeit, ein Jude zu sein.“

Was für ein Satz im Jahr 2023.  Was für ein Satz, 80 Jahre nach dem Holocaust.

Und natürlich möchte ich Trost spenden und sagen, dass ich mir vorstellen könne, wie es ihnen geht – aber kann ich das wirklich? Ich frage das in aller Demut.

Zumindest, ich hoffe das wird mir zugestanden, kann ich es erahnen. Seit ich Vater eines kleinen Jungen bin, weiß ich, was es bedeutet, wenn man selbst nicht mehr der wichtigste Mensch im eigenen Leben ist. Aber ich möchte diese Sorge eines jungen Vaters wahrlich nicht mehr der Sorge um die Liebsten vergleichen, wenn sie mit offenem Hass konfrontiert werden und sie sich fragen, auf wessen Menschlichkeit man sich in diesen Tagen, in diesen Zeiten eigentlich verlassen kann. Gerade auch angesichts des Terrors in Israel und dem unermesslichen Leid, dass Väter und Mütter, Großeltern und Enkelkinder dort erfahren und ertragen.

Das ist für mich die erschütterndste Erkenntnis in diesen Tagen: Wie schwer sich doch manche damit tun, Menschlichkeit zu zeigen und empathisch zu sein. Wie sehr manche daran scheitern, klare Grenzen zu ziehen und innezuhalten, anstatt mit einem „Ja, aber…“ ihr wahres Gesicht zeigen. Aber ich bin ein Optimist – ich hoffe, dass es vielleicht doch nicht ihr wahres Gesicht ist. Aber klar ist auch: Jeder ist für seine Worte und Taten selbst verantwortlich – Naivität ist das letzte, was wir uns jetzt leisten können.

Wir haben die Bilder aus Berlin-Neukölln oder zuletzt in Essen vor Augen. Demonstrationen, in denen Terror als Freiheitskampf verharmlost wird. Häuser werden mit dem Davidstern beschmiert, es werden Anschläge auf Synagogen verübt, Israelfahnen werden abgerissen und verbrannt, jüdische Kindergartenkinder und Schüler bleiben zuhause.

Wir haben erlebt, wie muslimische Verbänden daran gescheitert sind, zeitig und unmissverständlich Terror und Antisemitismus zu verurteilen.

Ich fand das nicht nur beschämend, sondern ich habe mich da auch an etwas erinnert. Ich war etwa 10 Jahre alt, als der rechtsextreme Brandanschlag in Solingen stattfand, bei dem 5 Menschen mit türkischen Wurzeln ums Leben kamen.

Ich saß zuhause vor dem Fernseher mit meinen Eltern. Meine Mutter hatte Tränen im Gesicht. Uns ging das nah. Als deutsch-türkische Familie hätten auch wir das sein können. Und wie wir, meine Eltern und ich, dasaßen und den Bericht im Fernsehen anschauten, da sahen wir ihren Vorgänger, sehr geehrter Herr Schuster, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden Ignatz Bubis, wie er sofort nach Solingen gefahren ist, um der betroffenen Familien seine Anteilnahme und Solidarität zu erweisen und der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu zeigen, wie wichtig der Kampf für Menschlichkeit und gegen Hass und Rassismus ist. Um zu zeigen: Das geht uns alle an, auch wenn die Opfer keine Juden sind!

Diese Solidarität hat uns alle, meinen Vater, einen türkischen Muslim, meine Mutter, eine deutsche Katholikin, und mich, einen 10 jährigen Jungen, damals sehr berührt. Deswegen habe ich die Bilder auch noch sehr genau in meinem Kopf.

Was bedeutet das heute? Es bedeutet, dass muslimische Menschen in Deutschland sich drauf verlassen können, dass wir, der Staat, wir als Gesellschaft, sie vor rechtsextremer Gewalt schützen. Es bedeutet aber auch, dass wir von den Muslimen bei uns im Land erwarten, dass sie ohne wenn und aber aufstehen, wenn Jüdinnen und Juden angegriffen werden.

Wer nach Deutschland kommt oder wer hier schon lebt, der kann sich nicht aussuchen, welche Rechte und Pflichten für ihn gelten. Sondern für jeden einzelnen sind unsere Erinnerungskultur, unsere Verantwortungsgemeinschaft, unsere Staatsräson für die Sicherheit Israels unverhandelbar, auch hier muss spätestens jetzt Schluss sein mit Naivität und doppelten Standards.

Es waren auch Kommentare aus bürgerlichen oder aus linken Kreisen, bei denen ich gedacht habe: Wenn du geschwiegen hättest, wärst Du Philosoph geblieben.

Das gilt aber nur für diesen einen Philosophen – denn tatsächlich brauchen wir das Gegenteil von Schweigen. Es kam ja in den Medien einmal kurz die Debatte auf, ob man unter den aktuellen Umständen die jüdischen Kulturwochen überhaupt stattfinden lassen sollte. Und da haben Sie, Frau Prof. Traub, schnell und unmissverständlich klargemacht, dass genau das überhaupt mal gar nicht in Frage komme. Zurecht!

Es ist ein Geschenk, nach der Shoah jüdische Gemeinden als Teil unserer Heimat zu haben. Es ist eben nicht selbstverständlich. Gerade jetzt ist es wichtig, jüdisches Leben und jüdische Kultur sichtbar zu machen.

Elie Wiesel hat einmal gesagt, das Gegenteil von Liebe sei nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Und das Gegenteil von Leben sei nicht der Tod, sondern Gefühllosigkeit. Die jüdischen Kulturwochen sind eine klare Ansage gegen Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit. Sie bringen Menschen zusammen, um das Verständnis füreinander, für unterschiedliche Religionen, Kulturen und Perspektiven zu fördern. Sie sind für mich die so bitter notwendige Antwort auf Verunsicherung, aber auch auf Passivität oder Ohnmacht in unserer Gesellschaft.

Michel Friedman hat in seinem neuen Buch sehr passend dazu geschrieben, ich zitiere:

„Im Schlaraffenland drohte ein fundamentales Missverständnis:

dass Demokratie und ihre Strukturen selbstverständlicher Dienstleister für Freiheit, Selbstbestimmung, ein gutes Leben in Sicherheit, in Frieden und Wohlstand seien.

Dass Demokratie auch Arbeit macht?

Anstrengend sein könnte?

Engagement verlangt?

Damit wollten die Schlaraffen wenig zu tun haben. Sie fühlten sich in den letzten Jahren oft belästigt, wenn der Staat, die Demokratie anklopfte und sie daran erinnerte mitzuwirken.“

Diese Sätze wollen wachrütteln, meine sehr geehrten Damen und Herren. Denn eines muss uns immer klar sein: Der Staat muss Sicherheit gewährleisten und alles tun, was dafür notwendig ist. Es liegt in unserer politischen Verantwortung, die Sicherheit der Menschen sowie jüdischer und israelischer Einrichtungen zu gewährleisten.

Aber jüdisches Leben, die Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland, und am Ende auch die Demokratie, wie Michel Friedman zurecht analysiert, hat Voraussetzungen, für die wir auch als Bürgerinnen und Bürger selbst immer wieder einstehen müssen, jeder und jede einzelne von uns – auf der Straße, in der S-Bahn, im Stadion, in der Schule, in Gesprächen, immer und überall. Mehr denn je.

Liebe Frau Professor Traub,

Ihre Arbeit und die der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs ist fast 80 Jahre nach der Shoah und nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel wichtiger denn je. Auch und gerade in dieser schwierigen Zeit möchte ich Ihnen im Namen der Landesregierung herzlich zum 20. Jubiläum gratulieren – verbunden nicht nur mit dem Wunsch, sondern auch mit aller Entschlossenheit, dass zu diesem zwanzigjährigen Jubiläum in der Zukunft noch viele, unendlich viele Jahre dazu kommen. Wir stehen an Ihrer Seite!

Shalom und vielen Dank.

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